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Quellen und Anmerkungen

Leitfaden - Klärung grundlegender Fragen

Soziales Konzept – Vorstellungen über das Wohnen, die Gemeinschaft, die Organisation der Gruppe

„Gemeinschaftliches Leben mit ausreichend Rückzugsmöglichkeiten“, „Gegenseitige Unterstützung ohne Zwang“, „ein von gegenseitigem Respekt gekennzeichnetes Miteinander“ so oder ähnlich wird von vielen Projekten das Wohnen in ihrem Wohnprojekt beschrieben. Doch wie viel Gemeinschaft gewünscht und wie viel Privatheit und Rückzugsmöglichkeiten notwendig sind – darüber können die Vorstellungen weit auseinander gehen, genauso wie die Vorstellungen über Art und Ausmaß gegenseitiger Unterstützung, über die Zeit, die Energie und das Geld, das für die Gemeinschaft aufgebracht werden soll oder über die Zusammensetzung der Bewohnerinnen z. B. bezüglich Alter, Lebensform, Lebenssituation oder Lebensstil oder auch über die Frage, was der Zusammenschluss als „Frauenwohnprojekt“ eigentlich bedeutet und welche Rolle Männer in dem Projekt spielen können – und welche Rolle nicht.

Sicherlich ist es nicht leicht, solche Fragen abstrakt zu entscheiden – zumindest wenn einschlägige Erfahrungen mit (außerfamilialen) Formen des Zusammenlebens fehlen. Trotzdem ist der Versuch einer frühzeitigen Klärung der jeweiligen Vorstellungen empfehlenswert – im Interesse der Gruppe, aber auch im Interesse jeder Einzelnen und deren Entscheidungsfindung.

Viele Projekte versuchen, diesen Fragen in einem ersten Anlauf mit gemeinsamen Seminaren oder Wochenend-Workshops näher zu kommen, etwa mit Fragen wie „was ich will und was ich nicht will“ oder „wie stelle ich mir meine [Mitbewohnerinnen] vor“. Zwar sind die Ergebnisse solcher Einstiegsworkshops sicherlich keine „endgültigen Wahrheiten“ bzw. Dokumente unumstößlicher Prinzipien. Doch können sie als Grundlage für die weitere Klärung der gegenseitigen Vorstellungen dienen. Je präziser die gegenseitigen (und eigenen!) Vorstellungen im Vorfeld geklärt werden, desto eher werden spätere Konflikte vermieden, die sich in manchen Wohnprojekten z. B. darin manifestieren, dass ein erheblicher Teil der BewohnerInnen nicht bereit ist, sich an den Kosten der Gemeinschaftsflächen zu beteiligen. Zwar können die für die Bewirtschaftung des Projekts unter Umständen gravierenden finanziellen Konsequenzen einer fehlenden Zahlungsbereitschaft für die Gemeinschaftsflächen durch entsprechende rechtliche Vereinbarungen [Bewirtschaftung] vermieden werden, dies gilt jedoch nicht für die sanfteren, nicht rechtlich zu fassenden Formen der Gemeinschaftlichkeit, bei denen zu große Differenzen in den Vorstellungen ebenfalls gravierende Folgen für die Entwicklung des Projekts haben können.

Um solche späteren „Ent-täuschungen“ möglichst zu vermeiden, sollten in dem Prozess zur Entwicklung des sozialen Konzepts zumindest die untenstehenden Themen geklärt werden, wobei die Liste der Fragen sicherlich nicht als abschließend anzusehen ist.

Bitte wählen Sie ein Thema:

  • Vorstellungen über das Miteinander

    Welche Erwartungen bestehen hinsichtlich des Zusammenlebens? Wie viel Gemeinschaftlichkeit, wie viel Privatheit wird von den Mitbewohnerinnen erwartet? Wie werden Rückzugsmöglichkeiten gewährleistet?

    Zur Klärung dieser Fragen helfen manchmal ganz einfache Beispiele, wie die Frage nach der Häufigkeit gemeinsamer Frühstücke oder von Haussitzungen zur Besprechung anstehender Fragen. Für manche ist eine verpflichtende Veranstaltung pro Monat zu viel, eine andere findet möglicherweise ein gemeinsames Frühstück jeden Sonntag viel zu wenig. Vielleicht hilft auch die Frage nach den Vorstellungen über Art und Häufigkeit gemeinsamer Unternehmungen, Feste, Freizeitgestaltungen – wobei insbesondere bei größeren Projekten es sicherlich nicht notwendig ist, dass sich an solchen Unternehmungen alle beteiligen. Bei kleineren Projekten jedoch können größere Differenzen über die diesbezüglichen Erwartungen durchaus zu einem größeren Problem werden.

    Um die Möglichkeit des Rückzugs (auf die in fast allen Projekten großer Wert gelegt wird) ohne gegenseitige Verletzungen sicher zu stellen, vereinbaren manche Projekte kleine optische Zeichen, die der Nachbarin signalisieren „ich will gerade ungestört sein“ oder „ich bin offen für Kontakte“.

    Wie viel gegenseitig Hilfe wird erwartet? Welche Bereitschaft zur Hilfestellung besteht? Was ist für den Fall einer (dauerhaften) Unterstützungbedürftigkeit vorgesehen? Soll ein Unterstützungssystem entwickelt werden oder geschieht dies spontan? Wie verlässlich (und verpflichtend) soll die gegenseitige Unterstützung sein?

    Während differierende Vorstellungen über Art, Ausmaß und Zeitpunkt gemeinsamer Unternehmungen, Feste oder bilateraler Kontakte in vielen Fällen leicht zu überbrücken sein können, ist die Klärung über die Erwartungen bezüglich der gegenseitigen Unterstützung und Hilfestellung von zentraler Bedeutung. Insbesondere bei den Projekten für allein erziehende Frauen (die allerdings häufig nicht von den Bewohnerinnen selbst, sondern von Gleichstellungsbeauftragten initiiert werden), steht die gegenseitige Unterstützung oft im Zentrum der Projektidee, doch nicht in allen Fällen wird dies auch im Wohnalltag in der erwarteten Weise umgesetzt. Eine vorherige Klärung der jeweiligen Erwartungen und Bereitschaften ist also dringend anzuraten – wobei gerade bei den Alleinerziehenden-Projekten oft das Problem auftritt, dass diejenigen, die den anfänglichen Projektentwicklungsprozess mitgemacht und sich über diese Fragen verständigt haben, gar nicht in das Projekt einziehen, weil sie wegen drängender Wohnungsprobleme nicht auf die Fertigstellung des Projekts warten konnten. So zog ins Hamburger Projekt Hausarbeit bei Fertigstellung nur ein Mitglied der ursprünglichen Gruppe ein. Gerade Alleinerziehende, die in Frauenwohnprojekte einziehen, stoßen oft erst vergleichsweise spät zu der Projektgruppe. Um so wichtiger erscheint eine auch für später Hinzustoßende nachvollziehbare (in geeigneter Weise dokumentierte) Klärung der gegenseitigen Erwartungen.

    Aber auch für andere Bewohnerinnen ist eine realistische Klärung der Erwartungen und Bereitschaft zu Art und Ausmaß gegenseitiger Unterstützung äußerst ratsam. Das gilt insbesondere auch für die Projekte mit älteren und alten Frauen, bei denen sowohl in den Projektdarstellungen wie auch in der inzwischen sehr zahlreichen (wenn auch nicht auf Frauenprojekte bezogenen) Literatur über Wohnprojekte die Hoffnung auf Unterstützung bei altersbedingten Einschränkungen eine zentrale Rolle spielt. Eine solche Unterstützung muss verlässlich, regelmäßig und dauerhaft sein – stellt also an die Unterstützenden unter Umständen keine geringen Anforderungen. Das gilt insbesondere bei Pflegebedürftigkeit einer Bewohnerin, die realistischerweise von den Mitbewohnerinnen kaum „nebenher“ aufgefangen werden kann. Manche Projekte entwickeln hierzu Konzepte einer von einschlägig ausgebildeten Bewohnerinnen zu übernehmenden (semi-)professionellen (und ggf. in der üblichen Weise bezahlten) Pflege – quasi als hauseigener ambulanter Pflegedienst. Dies ist sicherlich eine realistischere Variante als die bloße Hoffnung auf das Funktionieren nachbarschaftlicher Hilfe. In anderen Projekten (vor allem den Projekten, in denen ausschließlich ältere Frauen wohnen) ist klar vereinbart, dass dauerhafte Pflegebedürftigkeit nicht durch die Bewohnerinnen aufgefangen werden kann. Im Altenwohnprojekt O.L.G.A in Nürnberg ist

    z. B. angedacht, bei Pflegebedürftigkeit mehrerer Bewohnerinnen gemeinsam eine Pflegekraft anzustellen. Außerdem sollen alle Bewohnerinnen im Bedarfsfall einen Pflegekurs besuchen.

    Welche gemeinsamen Projekte der Bewohnerinnen sind geplant, welche Arbeiten sollen gemeinschaftlich übernommen werden, wie viel Zeit und Energie soll von jeder Bewohnerin dafür aufgebracht werden? Wie wird die Übernahme dieser Arbeiten geregelt? Welche Leistungen für die Gemeinschaft werden verbindlich festgelegt?

    Die Liste möglicher gemeinsamer Projekte und Arbeiten ist lang, sie reicht von der Übernahme der Wohnungsverwaltung, dem Herrichten und der Pflege der Außenanlagen bzw. eines Gartens, der Verwaltung der Gemeinschaftsräume, Gästezimmer usw. (wer kann sie wann nutzen, wer macht sauber, wer gestaltet sie/richtet sie ein?) dem gemeinsamen Einkauf, der Organisation von Carsharing bis zu Projektrepräsentation nach außen (z. B. gegeüber Interessentinnen/Besucherinnen) und den regelmäßigen Projektbesprechungen, deren Häufigkeit und Dauer (wöchentlich, monatlich, vierteljährlich) ebenfalls im Vorfeld zumindest angesprochen werden sollte. Ebenso wie bei der gegenseitigen Unterstützung ist hier eine realistische Einschätzung der eigenen Bereitschaft und der gegenseitigen Erwartungen für eine dauerhaft funktionierende Gemeinschaft notwendig. Wenn gemeinsam geplante Arbeiten und Projekte nur an wenigen hängen bleiben, kann dies auf Dauer zu erheblichen Belastungen führen. Um dies zu vermeiden richten manche Projekte für die verschiedenen Aufgaben Arbeitsgruppen ein und vereinbaren, dass jede Bewohnerin sich an zumindest einer Arbeitsgruppe beteiligt.

    Wie viel Geld ist den einzelnen die Gemeinschaft wert? Wie viel Geld kann z. B. für Gemeinschaftsräume aufgebracht werden? Welche Regelungen werden gefunden, wenn die Vorstellungen weit auseinander gehen?

    In den allermeisten Wohnprojekten gibt es neben den individuellen Wohnungen mehr oder weniger große Gemeinschaftsräume: Für Feste, für Veranstaltungen, manchmal auch als Gästewohnungen. Sowohl in den Darstellungen der Projekte als auch in der Literatur zu Wohnprojekten werden solche Gemeinschaftsräume in aller Regel als konstitutives Merkmal von gemeinschaftlichen Wohnprojekten angesehen. Das gilt auch für Frauenwohnprojekte.

    Allerdings: Gemeinschafsräume kosten Geld – beim Bau und auch bei der späteren Nutzung. Dieses Geld muss von den Bewohnerinnen aufgebracht werden – zusätzlich zur Wohnungsmiete. Die Kosten können erheblich sein, vor allem, wenn die Wohnungen im Rahmen der Sozialen Wohnraumförderung gefördert werden, die Förderung aber nicht auf die Gemeinschaftsräume erweitert wird. Problematisch ist darüber hinaus die Situation von Sozialhilfe- bzw. Arbeitslosengeld II-Empfängerinnen. Zwar übernimmt die Kommune im Prinzip deren Wohnkosten, aber nur, soweit sie als angemessen gelten. Das kann im Einzelfall zu Schwierigkeiten bei der Übernahme der Kosten für die Gemeinschaftsräume führen.

    Aus diesem Grund sollte bereits im Vorfeld geklärt werden, wie viel die einzelnen Bewohnerinnen bereit bzw. in der Lage sind, für die Gemeinschaftsräume aufzubringen, um die Flächen entsprechend groß (oder klein) zu planen. Bei von Investoren errichteten sowie bei im Rahmen der Sozialen Wohnraumförderung geförderten Wohnprojekten werden die Gemeinschaftsräume oft so geplant, dass sie gegebenenfalls, wenn es Schwierigkeiten bei der Finanzierung der Kosten gibt oder kein Interesse mehr an der Nutzung besteht, in eine Wohnung umgewandelt werden können. Manche (v. a. nicht selbst initiierte) Projekte verzichten auch auf solche Flächen und beschränken sich auf eine kommunikationsfördernde Gestaltung der Flure und Treppenhäuser. Im Projekt HausArbeit wurden sogar bewusst alle gemeinschaftlichen Flächen zu Gunsten der individuellen Wohnflächen minimiert. In anderen Projekten (z. B. Beginenhof Essen) werden die (z. T. frauenöffentlich zugänglichen) Gemeinschaftsflächen von einem (Bewohnerinnen-) Verein angemietet und verwaltet. Die Finanzierung erfolgt über die Mitgliedsbeiträge und Mieteinnahmen bei externer (und gegebenenfalls auch bei interner) Vermietung.

    Wie wird mit Konflikten umgegangen? Soll es Verfahren zur Regelung von Konflikten zwischen Bewohnerinnen geben?

    Auch wenn alle Mitglieder des Projekts an einem möglichst gedeihlichen Miteinander interessiert sind, sind Konflikte zwischen Bewohnerinnen nicht auszuschließen. Zwar führt die Tatsache, dass die Bewohnerinnen sich kennen und schätzen, in der Regel zu einer höheren Toleranzschwelle in Bezug auf die typischen Nachbarschaftskonflikte (Lärm, Schmutz u. ä.), doch erhöht das engere Miteinander andererseits das Konfliktpotential. Damit solche Konflikte nicht die gesamte Gruppe belasten und zur Zufriedenheit aller gelöst werden können, vereinbaren mache Projekte formalisierte Verfahren zur Lösung solcher Konflikte, etwa, indem diese Konflikte auf regelmäßig stattfindenden Treffen (Sitzungen) der Bewohnerinnen besprochen werden oder auch durch Einrichtung einer „Schlichtungskommission“. Wichtig ist es allerdings, schon im Entwicklungsprozess unterschwelliges/nicht oder nur zaghaft geäußertes Unbehagen Einzelner wahr- und ernst zu nehmen. Vielfach haben es ja gerade Frauen gelernt, ihre eigenen Bedürfnisse zugunsten der Kinder und/oder des Partners zurückzustellen – ein Verhalten, das auch nach der Lösung aus der Familienphase nicht so ohne weiteres abgelegt werden kann und möglicherweise zunächst zu einem weiteren Zurückstellen (oder auch Nichtwahrnehmen) der eigenen Bedürfnisse führt – Bedürfnisse, die dann später, in der Wohnphase möglicherweise zum Konflikt führen.


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  • Bewohnerinnen-Struktur (Einkommen, Alter, Lebensstil)
  • Vereinbarungen über die Entscheidungsfindung/Organisation der Gemeinschaft
  • Vereinbarungen über die Vertretung des Projekts nach Außen
  • Vereinbarung über die Erweiterung der Gruppe/die Verbindlichkeit von Entscheidungen
  • Aktivitäten nach Außen
  • Die Rolle von Männern in Frauenwohnprojekten

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