Frauenwohnen im 21. Jahrhundert

Projekttyp:

Autonome Frauenwohnprojekte

Standort:

Berlin

Projektierungsbeginn:

2000

Fertigstellung/ Erstbezug

2007

Kontakt:

info[at]beginenwerk.de

www.beginenwerk.de

Schwerpunkte:

Selbstinitiiertes altersgemischtes Eigentumsprojekt eines Vereins mit Multiplikatorinnenzielen

Die farbenfrohe Ganzglasfassade öffnet sich zu einem Park
Fernsicht von der gemeinschaftlichen Dachterrasse
Entspannen auf der Gemeinschaftsterrasse
Der Zugang zu den Treppenhäusern im Hof ist durch ein Tor gesichert
Blick über den Park aus einer Wohnung
2. OG - die Geschosse sind unterschiedlich aufgeteilt (Plan: Barbara Brakenhoff, Leipzig)
Zwei Varianten Mitteltyp, re. Maisonnette (Plan: Barbara Brakenhoff, Leipzig)
Zwei Varianten Randtyp (Plan: Barbara Brakenhoff, Leipzig)
Projektbeteiligte:
Initiatorin:

BeginenWerk e. V.

Eigentum:

selbstnutzende oder vermietende Wohnungskäuferinnen, die dem Verein BeginenWerk e. V. angehören müssen

Architektur:

Barbara Brakenhoff, Leipzig

Kooperation:

Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg

Projektentwicklung:

Jutta Kämper, Beginenwerk e. V.

Sonstige Beteiligte:

Stiftung FrauenRäume (langfristig geplant)

Umfang:
Projektumfang:

Innerstädtischer Wohnungsneubau auf einem vom Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg veräußerten Baulückengrundstück

Wohnungen:

53 WE, davon 44 Etagenwohnungen mit 56 m² bis 61 m² bzw. 70 m² bis 77 m², vier Maisonnette-Wohnungen mit 105 m², fünf Gartenwohnungen. Bis auf die Maisonnetten sind alle Wohnungen behindertenfreundlich.

Gemeinschaftsflächen:

Ein 95 m² großer Gemeinschaftsraum mit Küche und Nebenflächen und eine große Dachterrasse sowie ein Gästeapartment mit zwei Zimmern (für BesucherInnen der Bewohnerinnen).

Kosten/Mieten:

Der Bau ist frei finanziert mit einem Kaufpreis für die Wohnungen von 2.100 Euro/m² Wohnfläche (Wohnungen im EG und im 1. OG) und 2.300 Euro/m² (Wohnungen ab dem 2. OG). Darin enthalten ist die Umlage für die Gemeinschaftsräume.

Ziele/Motivation:
Zielgruppen:

Allein stehende und allein erziehende Frauen und lesbische Paare jeden Alters.

BewohnerInnenstruktur:

Die Bewohnerinnen sind zwischen 38 und 72 Jahre alt, haben die unterschiedlichsten Berufe und Interessen. Ein Teil der Wohnungen wurde als späterer Alterssitz erworben und vermietet.

Zielsetzungen:

Ziel ist die Schaffung von Wohnraum in Frauenhand für eine nachbarschaftliche Wohnform von Frauen mit zwangloser Kommunikation und zugleich geschützter Privatsphäre. Gemeinsame Unternehmungen und gegenseitige Anregungen sind erwünscht – aber Gemeinschaft ist kein Muss. Es soll Nachbarschaftshilfe praktiziert werden, um bei Krankheit und im Alter nicht ausschließlich auf professionelle Hilfe angewiesen zu sein. Für den Erwerb einer Wohnung ist die Mitgliedschaft im Verein BeginenWerk e. V. notwendig, die Frauen vorbehalten bleibt. Männer können (mit)einziehen, aber kein Eigentum erwerben.

Ziel der geplanten Stiftung „FrauenRäume“ ist es, Frauenorte, insbesondere Frauenwohnprojekte, als solche dauerhaft zu sichern, zur Förderung selbstbestimmter, gemeinschaftsorientierter Wohn- und Lebensformen von Frauen. Die Stiftung zielt insbesondere auch darauf, Frauen die Möglichkeit zu geben, ihr Vermögen zum dauerhaften Verbleib „in Frauenhand“ zu verschenken oder zu vererben. Mit dem Stiftungskapital können weitere Frauenwohnprojekte geschaffen, Darlehen an Frauenprojekte gegeben oder aus den Erträgen Öffentlichkeitsarbeit und Forschungsprojekte finanziert werden.

Architektur/Städtebau:
Partizipation:

Das BeginenWerk bot während der Vorbereitungsphase monatliche Treffen für Interessentinnen an, auf denen sowohl über die vorgelegten Entwürfe als auch über den Planungsprozess und die unterschiedlichen Aspekte des zukünftigen Zusammenlebens diskutiert wurde. Es gibt verschiedene Arbeitsgruppen, u. a. eine AG Technik, eine AG Gartengestaltung und eine AG Verträge und Verwaltung.

Der jetzige Investor setzte das vom BeginenWerk vorgegebene Konzept um und verkaufte Wohnungen nur an Vereinsmitfrauen. Die Käuferinnen konnten weitgehend frei über die Aufteilung und Grundrissgestaltung entscheiden.

Stadtplanung:

 

Lage:

Das Grundstück liegt in vergleichsweise ruhiger, grüner Lage an der Grenze des für seine „Kreuzberger Mischung“ bekannten Bezirks SO36 und dem eher bürgerlichen Bereich um den Landwehrkanal. Eine ausgezeichnete ÖPNV-Anbindung, Einkaufsmöglichkeiten über den täglichen Bedarf hinaus, Kultur- und Sporteinrichtungen wie Schwimmbad und Hamam, Restaurants und Kneipen der eher gehobenen Kategorie auf der einen, eine Vielzahl von Frauenprojekten (z. B. die Schokofabrik) auf der anderen Seite tragen zur Attraktivität des Standorts für unterschiedliche Interessengruppen bei.

Das ost-west-ausgerichtete 7-geschossige Gebäude zuzügl. Staffelgeschoss schließt eine Baulücke am Erkelenzdamm in Berlin Kreuzberg. Die farbenfrohe Fassade wirkt mit der vollständigen Verglasung und ihren geschwungenen Balkonen leicht. Die teilweise farbigen Gläser waren allerdings umstritten.

Zwei Treppenhäuser mit Aufzug erschließen vom Innenhof her je vier Wohnungen über kurze Laubengänge. Die Wohnungen haben offene Grundrisse, eine Abtrennung einzelner Bereiche ist jedoch möglich. Das Architekturkonzept erlaubte eine weitgehend freie Aufteilung und Grundrissgestaltung durch die Bewohnerinnen. Alle Wohnungen haben Balkon oder Loggia zur Westseite, und einen zweiten Freisitz zur Ostseite, auf dem Laubengang, den sie sich mit je einer Nachbarin teilen. Neun Wohnungen haben einen direkten Zugang zum Garten oder zur Dachterrasse. Im UG finden sich ein Wasch- und Trockenraum sowie für jede Wohnung ein Keller.

Gebäude:

Im von der Straße abgewandten und durch ein Tor gegen unerwünschte Besucher abgeschirmten Garten finden sich neben einem Grillplatz überdachte Fahrradabstellplätze in ausreichender Zahl. Die Privatgärten der EG-Wohnungen sind in den Garten integriert.

Die große, teilüberdachte Dachterrasse ist gemeinschaftlich nutzbar.

Ökologie:

Auf PKW-Stellplätze wurde verzichtet, was durch die Berliner Aufhebung der in anderen Bundesländern immer noch üblichen Verpflichtung zum Nachweis (oder zur finanziellen Ablösung) von Stellplätzen möglich wurde.

Das Projekt ist weitgehend autofrei, entsprechende vertragliche Verpflichtungen sind jedoch nicht vorgesehen.

Chronik

1992: Gründung des Vereins BeginenWerk e. V.
Der Name Beginenhof und Beginenwerk ist entstanden aus dem Wunsch heraus, an die beeindruckende Geschichte der mittelalterlichen Frauenbewegung der Beginen zu erinnern.

1997: Initiative zur Gründung einer Stiftung BeginenWerk

1997: Entwicklung eines Konzepts für ein Frauenwohnhaus in Berlin-Tiergarten; Entwürfe mehrerer Architektinnen. Dieses Projekt scheitert jedoch nach längeren Verhandlungen mit dem Bezirksplanungsamt und potentiellen Bauträgern

2000: Der Verein BeginenWerk e. V. bemüht sich um ein städtisches Grundstück in Berlin-Kreuzberg

2002: Zwischenzeitliche Pläne des Bezirks, auf dem Grundstück eine Sporthalle zu errichten, scheitern, das Grundstück wird für das Frauenwohnprojekt zur Verfügung gestellt

2002: Der Verein BeginenWerk gewinnt die Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1892 eG (BBW) als Bauträger, der auch die Vorfinanzierung übernehmen will

2002: Wiederaufnahme des Stiftungsgedankens, jetzt unter dem Namen FrauenRäume

2003: der für das Frühjahr geplante Baubeginn kann nicht realisiert werden, da die BBW durch den Wegfall der „Anschlussförderung im Sozialen Wohnungsbau“ im Land Berlin keine Möglichkeiten zur Kreditaufnahme hat und deshalb die Vorfinanzierung des Baus nicht übernehmen kann

2005: Weiterplanung mit dem neuen Investor Kondor-Wessels GmbH

2006: Baubeginn und Umbenennung des Projekts

November 2006: Richtfest

September 2007: Fertigstellung

Umsetzung feministischer Planungskonzepte im Projekt

• Schaffung von eigenständigen und vielfältigen Lebens- und Wohnräumen mit Eigentumsverträgen exklusiv für Frauen

• Versuch der langfristigen Sicherung der Wohnungen in Frauenhand durch die geplante Stiftung

• Angebot von innerstädtischem Wohnraum für Frauen in einer Frauengemeinschaft

• Unterstützung anderer Frauenwohnprojekte mit ähnlichen Zielen

• Planung durch eine Architektin mit weitgehender Partizipation der künftigen Nutzerinnen

• Selbstverwaltung

• Verbindung von individuellen und gemeinschaftlichen Wohnwünschen

• selbstbestimmtes und generationenübergreifendes Wohnen

• Wohnungsgrundrisse mit funktionsoffenen, jedoch auch abtrennbaren Räumen

• Gemeinschaftseinrichtungen

• sehr gute Infrastruktur und ÖPNV-Anbindung, Nähe weiterer Frauen(wohn) projekte

Weitere Projekte der Initiative:

Wohnprojekt Müggelhof | 83

Quellen:

40 Mieterinnen – und kein einziger Mann. Berliner Zeitung vom 22.4.2002

Beginenwerk e. V., Website: www.beginenwerk.de (Zugriff: August 2007)

„Grünes Licht für Kreuzberger Frauenwohnprojekt“. Die Tageszeitung (taz) vom 5.1.2002