Wohnheim für allein stehende berufstätige Frauen Ulm, Karlsplatz

Projekttyp:

Autonome Frauenwohnprojekte

Standort:

Ulm

Projektierungsbeginn:

1954 (Projektierungsbeginn des Vorläuferprojekts 1948)

Fertigstellung/ Erstbezug

1956

Kontakt:

Ulmer Wohnungs- und Siedlungs-Gesellschaft mbH

www.uws-ulm.de

Schwerpunkte:

Projekt eines überparteilichen Frauenverbands zur Bekämpfung der kriegsbedingten Wohnungsnot

Untergeschoss mit Mütterschule (Plan: Archiv uws)
Normalgeschoss (Plan: Archiv uws)
Projektbeteiligte:
Initiatorin:

Mitfrauen des „Überparteilichen Frauenarbeitskreises Ulm“ (insbesondere die langjährige erste Vorsitzende des AK Gertrud Brandt) auf Anregung der Architektin und Mitgründerin des Arbeitskreises Sigrid Kaufmann.

Eigentum:

Überparteilicher Frauenarbeitskreis Ulm (im folgenden: AK)

Architektur:

Sigrid Kaufmann, Beamtin beim Stadtplanungsamt Ulm und Edeltraud Feuer

Offizielle Bauplanung: Architektenbüro Riedle (in dem Edeltraud Feuer angestellt war)

Kooperation:

Oberbürgermeister und Stadtverwaltung Ulm (Unterstützung)

Umfang:
Projektumfang:

Der zweite der beiden, vom AK realisierten Wohnungsneubauten.

Wohnungen:

Auf einem Gelände von ca. 1000 m² wurden 49 Wohneinheiten in sechs Etagen errichtet, jeweils mit Kochnische, Bad und Balkon: 28 1-Zimmer-Wohnungen mit ca. 30 m², etwas kleinere 1-Zimmer-Wohnungen (Kochnische etwa halbiert), 14 2-Zimmer-Wohnungen mit ca. 45 m².

Gemeinschaftsflächen:

Keine

sonstige Flächen:

Im gesamten Erdgeschoss wurde eine Mütterschule eingerichtet, später ein Kindergarten. Inzwischen wurden die Räume in eine Wohnung umgewandelt.

Kosten/Mieten:

Die geplanten Gesamtkosten betrugen 625.000 DM, durch Kostenerhöhungen mussten jedoch schließlich 700.000 DM finanziert werden.

Finanzierung:

Grundlage der Finanzierung war ein öffentliches Baudarlehen (Sozialer Wohnungsbau in Höhe von 260.000 DM) und ein Aufbaudarlehen aus dem Lastenausgleichsfond in Höhe von 84.000 DM.

Der Rest musste über Bank- bzw. Bauspardarlehen und über Baudarlehen der Mieterinnen finanziert werden. Dazu sollte (nach der Finanzplanung vom September 1954) jede Mieterin 1.500 DM bis 2.500 DM eigene Mittel einbringen sowie Bausparverträge in Höhe von jeweils 3.000 DM bis 5.000 DM abschließen.

Die beiden Vorsitzenden des AK hafteten privat für die vom AK aufgenommenen Kredite. Die Kredite waren bei der Auflösung des AK im Jahr 1986 über die Mieteinnahmen weitgehend zurückbezahlt.

Der Lastenausgleichsfond wurde (zur Unterstützung von Vertriebenen, Flüchtlingen und Bombengeschädigten) aus Zahlungen derjenigen Vermögenden (z. B. ImmobilieneigentümerInnen) gebildet, die ihr Vermögen über den Krieg gerettet hatten und durch städtische Mittel in Höhe von 130.000 DM. Er ermöglichte hier vor allem die Unterbringung der Mütterschule im Erdgeschoss.

Ziele/Motivation:
Zielgruppen:

Allein stehende berufstätige Frauen.

BewohnerInnenstruktur:

Die ersten Bewohnerinnen waren überwiegend in qualifizierten Berufen tätig – von der Verwaltungsangestellten über die Bibliothekarin bis zur Ärztin – hinzu kamen einige nicht berufstätige Witwen bzw. Hausfrauen und einige allein stehende Männer, die ebenfalls keine eigene Wohnung fanden oder Verwandte von Bewohnerinnen waren.

Heutige Bewohnerinnen sind u. a. Studentinnen, Krankenschwestern, Spätaussiedlerinnen. Die letzte Ur-Bewohnerin des ersten Wohnheims wird in Kürze in ein Altersheim umziehen.

Zielsetzungen:

Ziel war es, allein stehenden Frauen, die in der Nachkriegssituation keine Chance hatten, aus ihren möblierten Zimmern herauszukommen, eine ihrer selbständigen Lebensweise angemessene Wohnmöglichkeit zu schaffen. In den weitgehend zerstörten Städten mit extrem vielen Wohnungsbedürftigen, deren Zahl durch KriegsheimkehrerInnen und Vertriebene noch vergrößert wurde, hatten Familien mit Kindern absoluten Vorrang.

Die finanzielle Belastung der künftigen Mieterinnen sollte so niedrig sein, „damit der ins Auge gefasste Personenkreis zum Zuge kommen kann“. Deshalb war die Finanzierung so schwierig. Die Bewohnerinnen waren nicht durchweg bedürftig, aber Frauen mit geringen Mitteln sollten nicht ausgeschlossen werden.

Die Frauen konnten Freundschaften im Haus schließen, aber auch ihre Tür hinter sich zumachen. Einige Frauen wohnten über Jahrzehnte im Haus, andere zogen aus, um bspw. mit Verwandten zusammen zu ziehen oder in eine andere Wohnung, nachdem mehr Wohnraum geschaffen war – oder ins Altersheim.

Die Bewohnerinnen konnten als Mitfrauen am Programm des AK teilnehmen, das sie teilweise auch aktiv mitgestalteten. Dazu gehörten: ein Ausflug pro Jahr, meist mit kunstgeschichtlicher Führung durch die zweite Vorsitzende, gelegentliche Vorträge, anfangs mehr politisch, später auch über Reisen, Weihnachtsfeier, Weiberfasnet (eine Ulmer Institution, bei der viele hundert Ulmer Frauen seit 1949 in männerfreiem Raum Fasching feiern, mit vielen Kabarett-Einlagen) sowie die Mitfrauen-Versammlung.

Architektur/Städtebau:
Partizipation:

Die Frauen des Arbeitskreises planten selbst die Wohnheime, suchten die Grundstücke und organisierten die Finanzierung (Bauausschuss des AK).

Es war erwünscht, dass die Bewohnerinnen Mitfrauen im AK werden, was kein Problem darstellte. Der AK bot ständig wöchentliche Sprechstunden an, während der Planungsphase für Interessentinnen, später um Anliegen der Bewohnerinnen zu besprechen.

Die Lokalpresse berichtete wohlwollend über die Projekte. Zur Einweihung des zweiten Projekts erschien ein ausführlicher Bericht, der Hochachtung gegenüber Mut, Ausdauer, Hartnäckigkeit und Zähigkeit der Frauen zum Ausdruck brachte und besonders hervorhob, dass sie die Lösung eines kommunalen Problems selbst in die Hand genommen hatten. Schon über die erste Versammlung im Januar 1951, in der den 70 Interessentinnen der Stand der Planungen vorgestellt worden war, hatten beide Lokalzeitungen berichtet: „Ein Wohnheim für Alleinstehende – ein Plan nimmt Gestalt an“.

Stadtplanung:

 

Lage:

Das Wohnheim wurde an einem zentral gelegenen Ort realisiert. Bei der Grundstückssuche wurde Wert auf Ruhe, gute Luft und eine schöne Aussicht gelegt.

Die Wohnungen waren mit Aufzügen erschlossen, zentral beheizt, modern und zweckmäßig, mit großen Fenstern und einem kleinen Balkon. In den 1-Zimmer-Apartments war die Küchenzeile im Eingangsbereich untergebracht. Fast alle Wohnungen hatten ein kleines Bad mit Badewanne. Sie werden noch heute als sehr zweckmäßig empfunden.

Chronik

1948: Die Architektin Sigrid Kaufmann referiert über ihre Idee eines Heims für berufstätige Frauen. In der Folgezeit wurde die treibende Kraft und überragende Persönlichkeit Gertrud Brandt die langjährige erste Vorsitzende des AK. Die Tochter eines Architekten steckte ihre ganze Energie in den AK. Sie und andere Mitfrauen des Überparteilichen Frauenarbeitskreises Ulm wurden als Expertinnen für Wohnungsbau eingeladen, z. B. in die Ev. Akademie Bad Boll

Oktober 1952: Grundsteinlegung eines ersten Projekts

Juli 1953: Fertigstellung und Einweihung des ersten Projekts

März 1954: Beschluss des Arbeitskreises zum Bau eines zweiten Wohnheimes, da eine Warteliste von etwa 100 Interessentinnen bestand

September 1954: Ein Bauplatz in der Innenstadt wird gefunden. Die Finanzierung gestaltet sich etwas einfacher, da der AK nun bekannt war. Entwicklung eines neuen Finanzierungskonzepts

Oktober 1955: Baubeginn

April 1956: Richtfest

November 1956: Fertigstellung und Einweihung

1962: Das Fernsehen berichtet in der Landesschau in einem kurzen Film über das zweite Wohnheim, eine Sendung, die einerseits die Freiheit der Frauen, ihr Lebensumfeld und ihre Lebensweise selbst gestalten zu können betont, aber andererseits die dem Zeitgeist entsprechende, deutlich negative Einstellung zu allein stehenden Frauen (die als einsam und unerfüllt imaginiert wurden) erkennen lässt

Verwaltung der Häuser

ab ca. 1960: durch eine Fachkraft für Buchhaltung

1963-86: Ruth Junghans übernimmt die Buchhaltung beider Häuser, kümmert sich auch um Vermietungen und vieles andere im Haus für ein sehr geringes Entgelt

1986: Auflösung des Überparteilichen Frauenarbeitskreises Ulm und Übergabe der Gebäude an die Stadt Ulm (schon 1973 hatte der AK festgestellt, dass alleinstehende Frauen auf Grund der Erschließung großer Wohngebiete genügend Wohnraum finden)

Entwicklung seit Beginn:

Die Wohnheime existieren weiterhin und werden von der Ulmer Wohnungs- und Siedlungs-Gesellschaft mbH uws bewirtschaftet. Die uws berücksichtigt die Zweckbestimmung der Wohnungen und vergibt weiterhin an allein stehende Frauen

Umsetzung feministischer Planungskonzepte im Projekt

• Schaffung bezahlbaren Wohnraums für berufstätige, selbständige Frauen

• eigene Organisation, Planung und Verwaltung

• Schaffung von Wohnraum in Frauenhand

• eine eigene vollständige Wohnung für jede Frau

• Gemeinschaftswaschküchen

• Öffentliche Einrichtungen im Haus

• Gute Infrastrukturanbindung

Weitere Projekte der Initiative:

Wohnheim für allein stehende berufstätige Frauen Ulm, Beyerstraße|1

Quellen:

Überparteilicher Frauenarbeitskreis Ulm (Hg) (1973): Initiative und Beharrlichkeit. 25 Jahre Überparteilicher Frauenarbeitskreis Ulm. Eine Dokumentation verfasst von Helga Wiegandt, Ulm: Selbstverlag

Wittich, Uta (2008): Zwei Wohnheime für alleinstehende berufstätige Frauen, errichtet 1953 und 1956 in Ulm. In AEP Informationen Schwerpunktheft „a room of one’s own“. Ein feministischer Blick aufs „Wohnen“. Herausgegeben vom Arbeitskreis Emanzipation und Partnerschaft e.V. 35. Jahrgang, Nr. 2/2008. Innsbruck, S. 14-16

Wittich, Uta (2008): Recherchen bei der Wohnungsgesellschaft uws und Zeitzeuginnen